Ärzte-Verband fordert unter Berufung auf die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Grenzwerte für Stickstoffdioxid in der Außenluft auf 30 Mikrogramm pro Kubikmeter zu reduzieren. Was wären die Konsequenzen? FOCUS Online beantwortet die wichtigsten Fragen.

Künftig könnte es eine drastische Ausweitung der Diesel-Fahrverbote geben: Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) erwartet, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in absehbarer Zeit eine Absenkung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) empfehlen wird. Derzeit werde in der WHO darüber beraten, ob der etwa in der EU geltende Grenzwert noch den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entspreche, sagte Professor Holger Schulz vom Helmholtz Zentrum München der „Welt“. Es sei davon auszugehen, dass die WHO eine Absenkung vorschlagen werde. Was bedeutet das für die von vielen Kommunen vorbereiteten Diesel-Fahrverbote? FOCUS Online beantwortet die wichtigsten Fragen.

1. Warum sollen die Grenzwerte erneut sinken?

Nach Ansicht des Pneumologen-Verbandes sind neue Grenzwerte zur weiteren Luftverbesserung dringend erforderlich. „Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut untersucht und belegt.“ Und: „Eine weitere deutliche Reduktion der Luftschadstoffbelastung ist geboten und eine Absenkung der gesetzlichen Grenzwerte erforderlich“, so der Verband.

2. Werden die neuen Grenzwerte automatisch übernommen?

Bisher geschah das in der EU jedenfalls so. Bei der WHO handelt es sich um eine überstaatliche Organisation, die allerdings zu 80 Prozent aus Spenden und Stiftungen finanziert wird. Aktueller WHO-Generaldirektor ist der ehemalige Gesundheitsminister von Äthiopien. Es folgen im übrigen nicht alle Länder immer den Empfehlungen der WHO. Die USA zum Beispiel entschieden sich vor Jahren dagegen, neue Grenzwert-Empfehlungen für Stickoxide zu übernehmen, weil sie die zugrunde liegenden Studien für fehlerhaft hielten. In den USA liegt der NO2-Grenzwert für die Außenluft aktuell bei 103 Mikrogramm pro Kubikmeter. Kalifornien als Bundesstaat mit den härtesten Umweltbestimmungen hat für sich einen Grenzwert von 57 Mikrogramm definiert. Eine Gruppe von mehr als 100 Lungenärzten hatte im Januar in Deutschland eine heftige Debatte ausgelöst, indem sie den gesundheitlichen Nutzen der Grenzwerte für Stickstoffdioxide anzweifelte. Später räumte der Autor der Stellungnahme, der Mediziner Dieter Köhler, Rechenfehler ein, blieb aber bei der Grundaussage, dass die gesundheitlichen Risiken durch Stickoxide und Feinstaub und die darauf basierenden Grenzwerte wissenschaftlich nicht hinreichend begründet seien. Die Gruppe ist mittlerweile auf rund 130 Personen angewachsen.

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3. Welche Städte würden mit neuen Grenzwerten Fahrverbote bekommen?

Betrachtet man sich die aktuellen Grenzwert-Überschreitungen von NO2-Emissionen an verkehrsnahen Messstationen und erweitert den Bereich von den aktuell gültigen 40 Mikrogramm auf 30 Mikrogramm, wächst die Zahl der Städte, in denen Fahrverbote verhängt werden könnten, auf 96. Unklar ist, ob diese Fahrverbote dann auf Dieselfahrzeuge beschränkbar wären, da es bereits Fälle gab, in denen Grenzwerte sogar ohne Zutun des Verkehrs überschritten wurden. FOCUS Online hat anhand der aktuellen Messdaten des Umweltbundesamtes (UBA) zusammengestellt, welche Städte einen Grenzwert von 30 Mikrogramm aktuell noch überschreiten würden. Bei diesen Daten handelt es sich nicht um Hintergrundmessungen in Wohngebieten, die in der Regel deutlich niedrigere Werte ergeben, sondern nur um die verkehrsnahen Messstationen, also die mit den jeweils höchsten Überschreitungen. Die allerdings, so legte es jüngst ein Gutachten für den Europäischen Gerichtshof nahe, sollen ja auch ausschlaggebend sein, um Fahrverbote zu verhängen.

4. Welche Abgasnormen wären von den Verboten betroffen?

Aktuell gibt es Verbote für Euro 4-Diesel in Hamburg und Stuttgart. Bei den neuen Grenzwerten wären Euro 5-Verbote nicht mehr vermeidbar, auch Euro 6-Diesel könnten langfristig betroffen sein. Denn mit den neuen Grenzwerten würde der von der Bundesregierung angepeilte Kompromiss, dass Fahrzeuge mit Software- oder Hardwarenachrüstung, die einen bestimmten Stickoxid-Wert unterschreiten (270 Mikrogramm im Realverkehr), von Fahrverboten auszunehmen sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr aufgehen. Denn die 270 Mikrogramm pro Auto sind ja die Prognose-Grundlage dafür, dass dann die an den Messstationen noch ankommenden 40 bis 50 Mikrogramm nicht überschritten werden. Für 30 Mikrogramm funktioniert das dann aber nicht mehr. Die Stadt Berlin hat bereits angekündigt, auch Verbote für Euro 6-Diesel erlassen zu wollen.

5. Sollte ich mein Fahrzeug nachrüsten lassen?

Davon ist spätestens jetzt dringend abzuraten. Zum einen würden nachgerüstete Fahrzeuge den neuen Kriterien nicht mehr genügen, zum anderen erreichen auch Autos mit neuer Abgas-Hardware nur eine Einstufung in die Abgasnorm Euro 5, wie das Verkehrsministerium bestätigte. Damit wären alle Euro 5-Diesel inklusive der nachgerüsteten Fahrzeuge zum einen von neuen Fahrverboten betroffen und zum anderen künftig als Gebrauchtwagen unverkäuflich. Behauptungen von Nachrüstern, sie könnten die Abgasnorm Euro 6 erfüllen, sind irreführend.

6. Ist eine Grenzwert-Einhaltung ohne Fahrverbote überhaupt realistisch?

Bezogen auf den Anteil, den der PKW-Verkehr dazu beitragen kann, ist eine Unterschreitung der neuen Grenzwerte nach Ansicht von Abgas-Experten durchaus machbar. Dies zeigen auch aktuelle ADAC-Messungen neuer Dieselfahrzeuge. Voraussetzung wäre allerdings, dass schnell genug Fahrzeuge mit neuester Euro 6d-Abgastechnik ältere Fahrzeuge ersetzen. Ergänzend oder alternativ könnte eine weitere Elektrifizierung des Verkehrs helfen, vor allem bei Bussen oder Transportern, die sehr viel Kilometer im reinen Stadtgebiet zurücklegen. Diese Annahme gilt allerdings nur für den Schadstoff NO2, nicht für den ebenfalls teilweise vom Verkehr verursachten Feinstaub. Hier tragen Dieselfahrzeuge am Auspuff fast nichts mehr zu den Emissionen bei; allerdings entsteht Feinstaub auch durch Reifenabrieb und Bremsstaub bei allen Fahrzeugen. Auch weitere Quellen, etwa Heizungen, Industrieanlagen und landwirtschaftliche Betriebe, müssten dann berücksichtigt werden.

 

 

Artikel- und Bildquelle: https://www.focus.de/auto/news/diesel-fahrverbote-nach-grenzwert-senkung-fahrverbote-kuenftig-in-96-staedten-moeglich_id_10419823.html